Wie relevant sind Band II und III des Kapitals (Marx / Engels)?

Diese Frage wurde mir unlängst auf Quora estellt, wo ich sie auch am 8. März 2021 beantwortet habe:

Zu Band II habe ich momentan keine konkreten Aussagen parat. Aber Band III ist dringend notwendig zu lesen und zu durchdenken.

In Band III hat Friedrich Engels die nachgelassenen Schriften seines Freundes Marx redigiert und veröffentlicht. Der hohe Wert diese späten Marx-Schriften beruht im Wesentlichen auf zwei Faktoren:

Objektiv hat der Kapitalismus sich fortentwickelt

von den frühesten Aufzeichnungen, die auch für Marx bereits Geschichte waren bis zu seinem Tode. Und er hat fortwährend beobachtet und analysiert. „Talent ist hauptsächlich Interesse.“— sagt Brecht. Und Marx war ungeheuer interessiert daran, die eigenen Studien und Beobachtungen zu soliden Hypothesen zu formen und anhand der Praxis zu überprüfen. Selbst in vielen wesentlichen Voraussagen hat Marx Recht behalten. Nicht umsonst studieren gegenwärtig die ernstzunehmenden — und durchaus kapitalfreundlichen — „Wirtschaftsweisen“ gerade diesen Band III, um Schlupflöcher aus der sich dem Ende zuneigenden allgemeinen Krise des Kapitalismus zu finden. Denn es passiert gerade genau das, was Marx vorausgesagt hat: Die eigentlichen Totengräber des Kapitalismus werden die größten Kapitalisten selbst sein. Und da dies gerade vor unser aller Augen geschieht, wäre es von elementarer Wichtigkeit, wenn jene, die sich „Antikapitalisten“ nennen, diesen Band III intensiv studierten. Aber dies geschieht in aller Regel nicht.

Wie die „Antifeudalisten“ im Deutschen Bauernkrieg sehnsüchtig zurück schauten auf die – imaginäre – Zeit, „als Adam grub und Eva spann (wo war denn da der Edelmann?)“, so schauen verträumte wie stoische Linke zurück auf die „schönen Zeiten“ des sowjetischen und DDR-Sozialismus. Nach vorne zu schauen, auf eine nach-kapitalistische Zeit wie sie Marx 1875 nur ganz vage in der „Kritik des Gothaer Programms“ beschrieb, mangelt es den meisten Linken an Phantasie. Den dogmatischen sowieso und den autoritären aus Mangel an einem starken Führer, der ihnen den Weg weist. Ich behaupte nicht, den ganzen Band III schon komplett gelesen und verstanden zu haben. Aber das, was ich weiß, führt mich zu meinen bis hier genannten Schlussfolgerungen.

Subjektiv ist der reifere Marx in seinen späten Jahren natürlich kenntnisreicher und mit dem praktischen Kapitalismus vertrauter gewesen denn je zuvor.

Bereits in einem späteren Vorwort zu einer Neuausgabe des „Manifest der kommunistischen Partei“ macht er darauf aufmerksam, dass diese dreiundzwanzig Seiten Text eigentlich einer aktualisierenden Überarbeitung bedürften, er sich mit Engels jedoch einig sei, an diesem „historischen“ Dokument nichts mehr „verbessern“ zu wollen. Das „Manifest“ hatte in der Arbeiterbewegung bereits den Status einer „heiligen“ Schrift erworben und Marx wollte neue Erkenntnisse nicht in alte Texte zwängen. Darum schrieb er, was immer zu schreiben war, für den Band III, dessen Fertigstellung und Veröffentlichung er jedoch nicht mehr erlebte. Engels ist es zu danken, dass dieser Band so geordnet und überschaubar ausgefallen ist. In den fast dreißig Jahren zwischen dem Erscheinen des ersten und des dritten Bandes hat sich am Kapitalismus im Detail so vieles verändert und entwickelt, dass der Band III in Teilen den Band I zwar nicht widerlegt, jedoch im dialektischen Sinne aufhebt. So, wie die Sicht auf den Kapitalismus fortwährend „aufgehoben“ (im doppelten Sinne) wird.

Marx alleine schon als Subjekt macht den Band III lesenswert. Und wenn sich das dann auf’s Objektive auswirkt, dann hat Marx schon wieder gewonnen. Und keine/r(?) hat’s gemerkt.

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Marxismus?

Zuerst muss man wissen, dass Marx einmal erklärte, kein Marxist zu sein. Insofern ist jedem -ismus mit Zweifel zu begegnen. Ein Wahlspruch von Marx lautete auch direkt: „An allem ist zu zweifeln!“. Damit steht der Marxismus als Lehre in direktem Gegensatz zu seinem Namenspatron. Und tatsächlich: Niemals hätte Marx sich an den Verbrechen beteiligt, die in seinem Namen von Lenin, Stalin, Mao Zedong, den Roten Khmer oder ähnlichen Leuten begangen oder angeordnet wurden. Der Begriff Marxismus ist also höchst suspekt – wegen des historischen Missbrauchs von Marxens Namen.

Karl Marx 1875
Karl Marx (1875), Fotografie von John Mayall jun.

Besser hat es Friedrich Engels getroffen, der von Sozialismus sprach. In seinem Werk Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft stellt er seinen Freund und Mitstreiter als das dar, was er wirklich gewesen ist: Als eInen Wissenschaftler. Und das ist Marx bis heute geblieben. Sein Werk gibt bis heute Aufschluss über die speziellen Bewegungsgesetze in Gesellschaft und Ökonomie, während Engels hauptsächlich jene in Natur und Gesellschaft untersuchte (Dialektik der Natur).

Besorgnis erregend ist freilich bis heute auch die überwiegende Ignoranz der heutigen linken, kommunistischen und Arbeiterparteien gegenüber den wissenschaftlichen Leistungen ihrer beiden ersten großen Theoretiker. Jede Abweichung von der Wissenschaftlichkeit begründen sie mit „neuen, geänderten Bedingungen“, während konservative bürgerliche Ökonomen aktuell massenhaft Marxens politische Ökonomie studieren, weil dort nicht nur die Entstehung und der Aufstieg sondern auch das zwangsläufige Ende der Dominanz kapitalistischer Reproduktion der menschlichen Gesellschaft erklärt wird.

Dominanz – jawohl. Denn Kapitalismus wird bereits im christlichen Neuen Testament beschrieben. Im zweimal erzählten Gleichnis von den anvertrauten Talenten wird klar der Auftrag zur Profitmaximierung erteilt und für gottgefällig erklärt.Aber eine Weltwirtschaft dominiert dieser Auftrag, aus Geld mehr Geld zu machen, erst seit der technologischen Entwicklung der Massenproduktion von Waren (nicht Gütern!).in Manufakturen, Fabriken und Konzernen. Marx war es, der endgültig den reinen Warencharakter der Arbeitim Kapitalismus aufdeckte, den die klassischen Nationalökonomen nur schemenhaft erkannten. Ich werde mich also hüten, mich einen Marxisten zu nennen. Aus Respekt vor Marxens bis dato unsterblichen (bisher nicht überholter!) ökonomischen Theorie im Verein mit der Methode der Dialektik, hauptsächlich publiziert durch Friedrich Engels.

Die erste Anwendung des Begriffes „Marxismus“ erfolgte auf des Basis des „Manifest Kommunistischen Partei“ von 1848, an dem selbst Marx und Engels im Jahre 1872 gemäß ihrem neuen Vorwort wegen ausgemachter Historizität nichts mehr zu ändern sich berechtigt fühlten, obwohl sich schon vieles weiter entwickelt hatte. Und zu den bis dahin zusammengefunden „Marxisten“ wollte Marx selbst offensichtlich nicht unmittelbar gehören – und war deswegen ausdrücklich kein „Marxist“. Er war 1872 mit seinen Gedanken nicht mehr bei 1848 sondern in der Zukunft – wie er 1875 in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ zeigte. In dieser Schrift wies er der Deutschen Sozialdemokratie einen möglichen, ökonomisch begründeten (!) Weg in einen brauchbaren, menschlichen Kommunismus.

So vergeht die Zeit. Aber die Sozialdemokratie war bereits 1875 zu tief im kleinbürgerlichen Parteienbetrieb versumpft, als dass sie noch Kritik ernst genommen hätte. Sie war doch auf dem 1848 von Marx gewiesenen Wege. Was sollte ihr dieser nunmehr alte Mann 1875 (s. Foto) noch groß Neues erzählen können. Und außerdem waren sie ja schon hinreichend erklärte Marxisten. Immer diese neumodischen Änderungen …

Zum Teufel damit!

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Das Bedürfnis nach (einem?) Gott

Menschen haben oft das Bedürfnis, eigene Verantwortung auf eine andere Person zu übertragen.

Besonders gut gelingt das mit fiktiven oder imaginären Personen, die sich dagegen nicht wehren können. So wurden zwangsläufig „höhere Wesen“ erfunden, auf die man die Last der Verantwortung abwälzen konnte. Verantwortung für die ganze Welt oder auch nur für das eigene Schicksal — sie trägt sich leichter, wenn wenn es zumindest einen Mitverantwortlichen gibt. So sind Götter zur subjektiven Realität geworden. Zusätzlich zur allgemeinen Lastenteilung besteht auch ein Bedürfnis nach Autoritäten.

Wenigstens ein Drittel der Menschheit braucht Orientierung, wer über ihnen und wer unter ihnen steht.

So entstehen Hierarchien in der Götterwelt wie in der Menschenwelt. Gleichberechtigte Götter (z.B. Elohim = ein semitischer Plural von El = Einzel-Gott, übrigens sprachlich verwandt mit Allah) differenzieren sich zu herrschenden (z.B. Wotan, Thor, Zeus) und dienenden (z.b. Loki, Hermes) Göttern. Im semitischen Kulturkreis werden die dienenden Götter zu Dschinnen und Engeln, die Herrschaft übernimmt der Stärkste. Es muss so sein — wie bei den Menschen der Antike.

Dennoch ist reiner Monotheismus schwer durchzuhalten.

Selbst im Christentum schienen Hilfs-Götter unverzichtbar. Zu den Engeln und Teufeln wurden Heilige als Personal des Einen hinzugefügt. Dieser Prozess dauert bis heute an. Und es ist weder ein Gott noch ein Papst, der die Zahl der Heiligen vermehren will. Die „normalen“ Menschen sind es. Die Basis der Gläubigen spricht regelmäßig das Bedürfnis nach mehr Hilfs-Göttern (Heiligen) aus und der Vatikan versucht – mit Recht – so viele wie möglich zu verhindern. Die Hürden sind hoch angesetzt aber die Glaubens-Bedürftigen tun nahezu alles für eine Heiligsprechung. Da werden Wunder bezeugt, Halluzinationen zu „Erscheinungen“ umgedeutet und vor allem die Verehrung des zu erhebenden Menschen angekurbelt. Alles aus natürlichen Bedürfnissen heraus.

Ein weiteres Drittel der Menscheit lebt gerne in Herden als Gleicher unter Gleichen.

Lediglich eine erfahrene Führungskraft wird benötigt, um diese Gesellschaft zusammen zu halten und bei Bedarf zu führen — wo Führung not tut. Diese Führungskraft (Mensch) trägt die Verantwortung meist ungern allein und denkt sich einen Helfer, der den Weg schon kennt — oder wenigstens die nächsten notwendigen Schritte. Und wenn der gedachte Helfer sich bewährt, dann muss er ein höheres Wesen sein. Anders ginge es ja nicht. Aus diesem offensichtlich erfolgreichen Dialog des führenden Menschen (z.B. Moses) mit seinem großen Helfer entsteht Priesterschaft. Wir sehen: Denkende und handelnde Person ist immer der Mensch. Und aus den tendenziell richtigen Antworten des höheren Wesens auf die Fragen des kleinen Menschen wird der Trugschluss gezogen, das höhere Wesen sei außerhalb des Menschen, eine fremde Person. Daraus entspringt der religiöse Umgang mit Orakeln und Magie.

Aktuell wird im Christentum zunehmend die ehemalige Allgegenwart Gottes reduziert auf seine/ihre Gegenwart in jedem einzelnen Menschen.

Und das stimmt insoweit, als der „Geist Gottes“ — eine hilfreiche Software unseres Betriebssystems namens Unterbewusstsein — tatsächlich um so stärker wirkt, je schwächer der bewusste Mensch ist.
Ein voll bewusster Mensch, der vom Dach fällt, erleidet normalerweise schwerste Verletzungen oder gar den Tod. „Merkwürdiger“ Weise kommt ein im Bewusstsein getrübter Mensch (alkoholisiert, Kleinkind oder geistig behindert) auffallend oft besser davon. Man spricht vom „besonderen Schutz Gottes“ (oder „Schutzengel“) für diese Kategorie Mensch. Und das stimmt.

Nur dass Gott nicht „von außen“ hilft sondern „von innen“.

Wenn diese unbewussten „intelligenten“ Programme die Führung übernehmen, dann zumeist nur, weil das Bewusstsein nicht mehr zweifelnd im Wege steht sondern „schläft“. Im Glauben geübte Menschen können das Bewusstsein auch gezielt „schlafen legen“. Man nennt das Meditation oder Trance. Beim Rosenkranzgebet ist das leicht zu beobachten. Und diese kleine, agile und hilfreiche Software kann dann „Reparaturen“ an inkonsistenten Inhalten des Unterbewusstseins vornehmen. Die moderne Hirforschung spricht beim Verhältnis Bewusstsein zu Unterbewusstsein von Größenordnungen wie 8 bis zwölf Millimeter (bewusst) zu 9 bis 16 Kilometer (unbewusst).

Das erscheint sofort plausibel wenn man bedenkt dass im Unterbewusstsein praktisch ALLES gespeichert ist. Jede Erfahrung, jedes Erlebnis und jeder Lehrstoff, den wir jemals verarbeitet haben. Gleichzeitiger Zugriff auf all diese Daten in Entscheidungssituationen würde uns handlungsunfähig machen. „Der allwissende Gott ist zugleich ein handlungsunfähiger Gott.“ (aus einem Psychologiebuch der 1980er Jahre). Das bedeutet, der gute Gott in uns muss schon eine Vorauswahl der Handlungsoptionen getroffen haben, bevor wir überhaupt wissen, dass es etwas zu entscheiden gibt. Und wenn wir „nach Gefühl“ („mit Gottes Hilfe“) entscheiden, dann liegen wir überwiegend richtig.

Fazit: Gottvertrauen ist hilfreich.

Aber: jede Beschreibung Gottes ist um so falscher, je detaillierter sie ist. Das mag auch auf diesen (ungenauen!) Text hier zutreffen. Der Evangelist Lukas sagt es so:
Lukas, 17:20 – Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden;
Lukas, 17:21 – man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Wie Lukas das wissen konnte ist mir ein wenig schleierhaft. Aber mit Gottes Hilfe werde ich auch darüber hinweg kommen.

Amen.

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Haiku – aus Versehen

Abendsonne vergoldet
„Speerspitzen“
am Zaun.

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Der Kreistag Meißen im Dezember


Der Kreistag zu Meißen tagte1, wie gewohnt2, in der Aula einer respektablen Bildungseinrichtung3 der Kreises.

(Fußnoten s.u.)

Musik für Alle

Relativ feierlich, der Adventszeit entsprechend, verlief die Eröffnung durch die jungen

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Sammeln mit Herz

Künstler der Kreismusikschule mit instrumentalen und vokalen Darbietungen, die von dem wirklich großen musikalischen Potenzial unserer Kinder und Jugendlichen im Kreis zeugten. Nicht zuletzt war sicherlich der Gedanke führend, die Kreisräte in Spenderlaune

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Ergebnis:  über 500€

zu bringen, was sich auch tatsächlich in einer Sammlung von etwas über 500 Euro niederschlug4. Zunächst kam die Idee aus unserer und der SPD-Fraktion, jedoch bei der Ansage dieser Initiative meldeten sich sofort lautstark CDU-Kreisräte, die ebenfalls gespendet hatten. Insgesamt eine gute Sache also. Es wäre auch seltsam, wenn ausschließlich linke Kreisräte den Karren „Kreismusikschule“ aus dem Dreck ziehen sollten.

Denn da steckt er – zumindest in der Gemeinde Käbschütztal, einem offensichtlich verunglückten Ergebnis der letzten Gemeindereform.

Bürger fragen

Aus dieser – durchaus nicht entlegenen – Ecke des Kreises kamen auch einige der fragenden Bürger, die sich in der Bürgerfragestunde allerdings nicht unbedingt mit Fragen meldeten sondern oft genug emotional untermauerte Statements abgaben. Die Bürgerfragestunde richtet sich natürlich zuerst an die Kreisverwaltung, wird aber nicht zufällig im Beisein aller Kreisräte durchgeführt. In der Sitzung des Kreistages selbst allerdings fanden die Anliegen der Bürger zunächst noch keinen direkten Widerhall. Sehr wahrscheinlich werden die Anfragen im Landratsamt „abgearbeitet“, nach Vorschrift sozusagen. Sie sind aber auch eine gute Gelegenheit für Parteien und Fraktionen, den Bürgern offen – oder verschlossen – gegenüberzutreten. Je klarer und transparenter diese Anliegen öffentlich kommuniziert werden, um so mehr Aufmerksamkeit und Interesse kann die politische Kraft gewinnen, die das wirklich tut. Und nicht unter der Last der Stammtische, sondern souverän. Wir stehen alle unter Beobachtung – durch die Wähler. Mehr oder weniger.

Unsere Fraktion nimmt Bürgeranfragen selbstverständlich auch außerhalb von Kreistagssitzungen aufmerksam entgegen. Was zur Behandlung im Kreistag ansteht entnimmt der mündige Bürger dem bekannten Informationssystem (s. entspr. Fußnote).

Transparenz und Amtsblatt

Zum Thema Transparenz von politischem und Verwaltungshandeln gab es im Kreistag einen bemerkenswerten Schlagabtausch. Das Amtsblatt des Kreises sollte eigentlich ein neues Statut bekommen, das die CDU von ihrer Führungsverantwortung für die Gestaltung des „Zentralorgans“ im Kreis erlöst. Kreisrat Gey (SPD) sprach von einem Monopolblatt, solange den Fraktionen kein Raum für öffentliche Äußerungen dort eingeräumt wird.

Auch aus einigen Städten und Gemeinden im Kreis ist solches Medienmonopol der CDU bekannt. Die Verwaltung allein hat die Meinungs- und Deutungshoheit im Amtsblatt. Und dann kommen die zahlenden Inserenten. Die kriegen so viel Platz, wie sie bezahlen. Die gewählten Vertreter des – gemäß Verfassung – eigentlichen Souveräns, des Volkes haben nach Meinung der Mehrheiten im Amtsblatt nichts zu suchen – respektive zu schreiben. Will die CDU wirklich abwarten, bis sie, wie weiland die SED, mangels Vertrauen darüber nicht mehr zu befinden hat?

Interessanterweise argumentierte ausgerechnet ein Vertreter der AfD-Fraktion gegen das Veröffentlichungsrecht der Fraktionen damit, es gebe doch noch genügend „andere Zeitungen für die Parteien“. Welch glänzendes Plädoyer für unsere bürgerliche Presselandschaft, die sonst auch gerne „Lügenpresse“ genannt wird. Und ausgerechnet von der AfD. Dass wir das noch erleben durften!

Und natürlich auch der eine NPD-Abgeordnete konnte sich mit diesem „drohenden“ Recht nicht anfreunden. Weil er – natürlich – keine Fraktion ist.

Schmunzeln 1

Teils auch mehr innerlich grinste so mancher Kreisrat über die erneute Bildung einer Bewertungskommission zum Thema Stasi. Die sonst dem „Willen des Volkes“5 so verbundene Fraktion der AfD argumentierte mit der dreißigjährigen Liegedauer der DDR auf dem Friedhof der Geschichte: „Nur Mörder verfolgt man länger!“. Nun ja, wenn man selbst betroffen ist …

Unsere Fraktion wird in dieser Kommission mit Sachlichkeit – und vor allem: Sachkenntnis – mitarbeiten, vertreten durch unsere Fraktionsvorsitzende, die im DDR-Staatsapparat die DDR mit allen Licht- und Schattenseiten sehr gründlich kennen gelernt hat. Wir sind da zuversichtlich.

Lustig (für die CDU gar nicht)

Belustigt nahm die Mehrheit auch das Ansinnen der CDU zur Kenntnis, man möge einen Appell an den Gesetzgeber richten, die Annahme von Mandaten (nur auf Kreisebene?) neu zu regeln. Anlass war das unwürdige Spielchen in der konstituierenden Sitzung, einen von der SPD gewollten Kreisrat zu etablieren respektive zu verhindern. Die „kleine Schlammschlacht“ war schnell vom Tisch. Aus sehr verschiedenen Perspektive kamen sinnvolle Gegenargumente wie: „keine Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung“ und „typischer CDU-Antrag“ (FDP) oder „Mangel an inhaltlicher Stringenz“, und nochmaliger Erklärung des Unterschieds zwischen Verhältniswahl und Personenwahl für die CDU (SPD/Grüne), so dass der eigentlich betroffene Kreisrat gar nicht mehr mit Wiederholungen hätte nachlegen müssen. Aber geschadet hat es auch nicht.

Schmunzeln 2

Eine der schönsten Baumaßnahmen war eine nunmehr per Beschluss abgeblasene: Der Neu- und Erweiterungsbau des Landratsamtes auf der Brauhausstraße in Meißen. Hier hatten interessierte Kreise zunächst gute Karten gehabt, in Wertpapieren angelegte Millionen des Kreises in Glas und Beton umzuschichten. Man weiss: Kapital wird langsam lästig in Zeiten der Negativrenditen.

Dass ein Teil dieser Gelder stattdessen – als Darlehen zu beiderseits günstigen Bedingungen – in die Krankenhäuser des Kreises fließen wird, bringt in unseren Augen eine vortreffliche Rendite. Dazu passend soll Winston Churchill gesagt haben: „Ein Gemeinwesen kann sein Geld nicht besser anlegen, als indem es Geld in Babies investiert.“

Und in die Gesundheit aller Bürger ist allemal gut für Babies.

Wir wünschen ein Frohes Fest der Geburt …!


1mit 83 stimmberechtigten Teilnehmern

2Leider ohne WLAN – d.h. ohne brauchbare Internetverbindung.

3Einzelheiten können öffentlich eingesehen werden unter http://www.kreis-meissen.org/=> Kreistag => Ratsinformationssystem.

4Die Presse berichtete drüber rührend präzise.

5s. WIKIPEDIA: Narodowolzen

 

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Wortgewalt

Ich reblogge sonst nie.
Aber hier mache ich eine Ausnahme.
Aus Gründen.

SWB - MeiBlog

Was ich wirklich wollte, von Anfang an, war zu schreiben. In Texte, in Worte, meine zweite Welt, einzutauchen, mein Erleben zu sortieren, nach außen zu transportieren mit meinen meist bedacht gewählten Worten. So habe ich mehr als mein halbes Leben verbracht. Und genau das konnte ich seit einiger Zeit nicht mehr, habe es mir nicht mehr erlaubt, geglaubt, es mir nicht mehr erlauben zu können.

Denn meine Worte hatten wohl für ein paar zu viel Wucht.

Sie werfen mir vor, Falsches geschrieben zu haben. Sie haben jeden Satz zerrissen, aus dem Zusammenhang gerissen. Sie haben angefangen, meine Worte in Einzelteile zu zerlegen, obwohl ich sie so zusammengefügt habe, dass sie etwas Zusammengehörendes ergeben. Sie haben nicht versucht, meine Worte zu verstehen, sie an sich heranzulassen, darüber nachzudenken, sie mit Wohlwollen zu betrachten. Meine Worte wurden mir nur übelgenommen, missgedeutet. Sie haben meine Texte und dann gleich noch mich verrissen.

Mir…

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Ein „vaterlandsloser Geselle“ aus Frankfurt

Irak:

Es begann einst mit „Befreiungsschlägen“ von „chirurgischer Präzision“ bei Anwesenheit von „embedded“ Journalisten und daher bestmöglichen Bedingungen, um den Völkern des Orients „Freiheit“ und „Demokratie“ zu bringen.

Dr. Frank Schirrmacher (verstorben 2014) schrieb in „Das Methusalem-Komplott“ (München 2004, Taschenbuchausgabe 2005) auf Seite 51 über die „Jugendwelle“ in den muslimischen Ländern, parallel zur Alterung der Industrienationen.

Schirrmacher bezieht sich dabei auf eine Ausgabe von „Foreign Affirs“ („Strategiezeitschrift der amerikanischen Aussenpolitik“) vom Sommer 1993.

„Huntingtons Prognose wurde von vielen als blueprint für die amerikanische Aussenpolitik im 21. Jahrhundert verstanden“ – schreibt Schirrmacher (S. 49).

„Huntington hat in seinem Buch auch jene Länder genannt, …
Ägypten, Iran, Saudi-Arabien und Kuwait“ (S. 51)

Nun, Schirrmachers Buch ist 10 Jahre alt, die von ihm zitierten Texte über 20 Jahre. Und alles war und ist veröffentlicht. Frank Schirrmacher ist über 1 Jahr tot. Das muss diejenigen freuen, die unsere politische Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge lenken wollen.

Wir sollten uns zu Schirrmachers Absicht, uns aufzuklären, bekennen – und bei ihm nachlesen, damit wir wieder zu denken lernen. Reflexe bringen uns nicht weiter.

„Jetzt spricht vieles dafür, dass in den Jahrzehnten ihres (der 68er) Altwerdens , von 2010 bis 2050, die Krise zur Katastrophe wird.“

Gedruckt 2005 – wie gesagt.

Merkwürdig auch, dass der „Frank-Schirrmacher-Preis“ mit 20.000 CHF ausgelobt wird. Ein „vaterlandsloser Geselle“, dieses „Subjekt“ – in Deutschland jedenfalls. Aber lesenswert. Jetzt gerade.

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Zwi Kanar: JONA oder   A fish hot mikh nisht ayngeshlungen.

Dieses Buch gibt keine Ruhe. Wie der Autor.  Er hat vor sich selbst keine Ruhe, ein Leben lang. Er ist als Halbwüchsiger davongekommen,  sah seinen Vater zuletzt in Buchenwald hinterm Stacheldraht. Bei Kriegsende ist er gerade 14 Jahre alt.  Hat seine Kindheit in Konzentrationslagern und auf dem Todesmarsch verbracht, seine Mamme schon lange nicht mehr gesehen und rechnet zunächst damit , der einzige Überlebende seiner Familie zu sein.
Er landet im Erzgebirge und erlebt plötzlich so etwas wie Leben. Beinahe unwirklich für den jüdischen Jungen aus der deutschen Hölle.

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Titelseite

Die Deutschen um ihn haben – wenn nicht ein schlechtes Gewissen – so doch immerhin Angst vor der Verantwortung, zu der die Sieger sie ziehen könnten. Sieger, die jetzt nicht hier wären, hätte man sie nicht zuvor bekriegt. Und dann noch diese Juden, von denen man doch gar nichts gewusst hatte.

Der Vierzehnjährige ohne Kindheit spürt die ängstliche Verlogenheit der Besiegten, die an so gar nichts schuldig geworden sind. Er könnte sich als Sieger fühlen – doch er fühlt sich einfach schlecht.

Er sucht in der Heimat nach Anknüpfungspunkten zu seinem Leben, das da eigentlich hätte stattfinden sollen – und findet wenige überlebende Verwandte, aber auch Leere und Hoffnungslosigkeit.

Geradezu mit geheimdienstlichen Mitteln wird die Auswanderung einer Gruppe junger polnischer Juden  nach Israel geplant und durchgeführt. Entgegen der schönen Legende, dass mit der Naziherrschaft für Juden alle Probleme aus der Welt sind, erlebt der Junge noch in Sichtweite der israelischen Küste Widerstand und Diskriminierung – und ausgerechnet von der britischen  Siegermacht.

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Umstände sind nicht alternativlos

Die Biostrukturanalyse  (=> „Structogram„) erklärt fast nebenbei,  wie groß

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Frank Richter gestaltet (wie 1989 auf der Prager Strasse) die Umstände des Pegida-Dialogs menschlich

der Anteil „autoritärer Bedürfnisse“ an der Summe   aller menschlichen Bedürfnisse ist.
Das ist praktisch nicht veränderbar – außer durch genetische Eingriffe,  vor denen uns dieser und jener verschone!
Hannah Arendt konnte davon noch nicht viel wissen, als sie über Totalitarismus schrieb. Sie hat zutreffend beschrieben,  was sie erkannte, ohne zu den biologischen Ursachen vorzudringen.
Einen weiteren Ansatz zum Verstehen  (H. ARENDT: „Ich will verstehen“. Piper,  München 1996)  hätte sie vermutlich bei Friedrich Engels gefunden,  der in einem Brief an Feuerbach auf die bestimmende Rolle der  äusseren Umstände aufmerksam macht:

„Alles,  was die Menschen in Bewegung setzt,  muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es  in diesem Kopf annimmt,  hängt sehr von den Umständen ab.“

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„… wir haben vor 25 Jahren ein Wunder erlebt …“ ?

„Ein Ereignis, das sich jeglicher vollkommenen

Die beste DDR aller Zeiten – von Oktober 1989 bis Oktober 1990.

Entschlüsselung entzieht. “

(Michael Diener auf Facebook)


Für mich war es (zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990) eine wunderbare Zeit und sehr leicht zu entschlüsseln – im Nachhinein.
Während dieser Zeit aber geschah, was Friedrich Engels schon hundert Jahre zuvor in einem Brief schrieb (abgedruckt im Sozialistischen Akademiker vom Oktober 1895):

„Es sind also unzählige, einander durchkreuzende Kräfte“, heißt es, „eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ereignis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes bewusstlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, was keiner gewollt hat.“ (Brief von 1890) „Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische usw. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis.“

So war es – und ich war – auch damals schon – sehr gern mittendrin.
Man war zwar etwas unsicher, weil nichts mehr planbar war, aber überall war Zuversicht und Hoffnung. Überall war Toleranz und Verständnis – aber auch allerhöchste Wachsamkeit gegenüber dem Nächsten, was die Methoden der Veränderung betraf.

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