Ein „vaterlandsloser Geselle“ aus Frankfurt

Irak:

Es begann einst mit „Befreiungsschlägen“ von „chirurgischer Präzision“ bei Anwesenheit von „embedded“ Journalisten und daher bestmöglichen Bedingungen, um den Völkern des Orients „Freiheit“ und „Demokratie“ zu bringen.

Dr. Frank Schirrmacher (verstorben 2014) schrieb in „Das Methusalem-Komplott“ (München 2004, Taschenbuchausgabe 2005) auf Seite 51 über die „Jugendwelle“ in den muslimischen Ländern, parallel zur Alterung der Industrienationen.

Schirrmacher bezieht sich dabei auf eine Ausgabe von „Foreign Affirs“ („Strategiezeitschrift der amerikanischen Aussenpolitik“) vom Sommer 1993.

„Huntingtons Prognose wurde von vielen als blueprint für die amerikanische Aussenpolitik im 21. Jahrhundert verstanden“ – schreibt Schirrmacher (S. 49).

„Huntington hat in seinem Buch auch jene Länder genannt, …
Ägypten, Iran, Saudi-Arabien und Kuwait“ (S. 51)

Nun, Schirrmachers Buch ist 10 Jahre alt, die von ihm zitierten Texte über 20 Jahre. Und alles war und ist veröffentlicht. Frank Schirrmacher ist über 1 Jahr tot. Das muss diejenigen freuen, die unsere politische Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge lenken wollen.

Wir sollten uns zu Schirrmachers Absicht, uns aufzuklären, bekennen – und bei ihm nachlesen, damit wir wieder zu denken lernen. Reflexe bringen uns nicht weiter.

„Jetzt spricht vieles dafür, dass in den Jahrzehnten ihres (der 68er) Altwerdens , von 2010 bis 2050, die Krise zur Katastrophe wird.“

Gedruckt 2005 – wie gesagt.

Merkwürdig auch, dass der „Frank-Schirrmacher-Preis“ mit 20.000 CHF ausgelobt wird. Ein „vaterlandsloser Geselle“, dieses „Subjekt“ – in Deutschland jedenfalls. Aber lesenswert. Jetzt gerade.

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Zwi Kanar: JONA oder   A fish hot mikh nisht ayngeshlungen.

Dieses Buch gibt keine Ruhe. Wie der Autor.  Er hat vor sich selbst keine Ruhe, ein Leben lang. Er ist als Halbwüchsiger davongekommen,  sah seinen Vater zuletzt in Buchenwald hinterm Stacheldraht. Bei Kriegsende ist er gerade 14 Jahre alt.  Hat seine Kindheit in Konzentrationslagern und auf dem Todesmarsch verbracht, seine Mamme schon lange nicht mehr gesehen und rechnet zunächst damit , der einzige Überlebende seiner Familie zu sein.
Er landet im Erzgebirge und erlebt plötzlich so etwas wie Leben. Beinahe unwirklich für den jüdischen Jungen aus der deutschen Hölle.

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Titelseite

Die Deutschen um ihn haben – wenn nicht ein schlechtes Gewissen – so doch immerhin Angst vor der Verantwortung, zu der die Sieger sie ziehen könnten. Sieger, die jetzt nicht hier wären, hätte man sie nicht zuvor bekriegt. Und dann noch diese Juden, von denen man doch gar nichts gewusst hatte.

Der Vierzehnjährige ohne Kindheit spürt die ängstliche Verlogenheit der Besiegten, die an so gar nichts schuldig geworden sind. Er könnte sich als Sieger fühlen – doch er fühlt sich einfach schlecht.

Er sucht in der Heimat nach Anknüpfungspunkten zu seinem Leben, das da eigentlich hätte stattfinden sollen – und findet wenige überlebende Verwandte, aber auch Leere und Hoffnungslosigkeit.

Geradezu mit geheimdienstlichen Mitteln wird die Auswanderung einer Gruppe junger polnischer Juden  nach Israel geplant und durchgeführt. Entgegen der schönen Legende, dass mit der Naziherrschaft für Juden alle Probleme aus der Welt sind, erlebt der Junge noch in Sichtweite der israelischen Küste Widerstand und Diskriminierung – und ausgerechnet von der britischen  Siegermacht.

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Umstände sind nicht alternativlos

Die Biostrukturanalyse  (=> „Structogram„) erklärt fast nebenbei,  wie groß

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Frank Richter gestaltet (wie 1989 auf der Prager Strasse) die Umstände des Pegida-Dialogs menschlich

der Anteil „autoritärer Bedürfnisse“ an der Summe   aller menschlichen Bedürfnisse ist.
Das ist praktisch nicht veränderbar – außer durch genetische Eingriffe,  vor denen uns dieser und jener verschone!
Hannah Arendt konnte davon noch nicht viel wissen, als sie über Totalitarismus schrieb. Sie hat zutreffend beschrieben,  was sie erkannte, ohne zu den biologischen Ursachen vorzudringen.
Einen weiteren Ansatz zum Verstehen  (H. ARENDT: „Ich will verstehen“. Piper,  München 1996)  hätte sie vermutlich bei Friedrich Engels gefunden,  der in einem Brief an Feuerbach auf die bestimmende Rolle der  äusseren Umstände aufmerksam macht:

„Alles,  was die Menschen in Bewegung setzt,  muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es  in diesem Kopf annimmt,  hängt sehr von den Umständen ab.“

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„… wir haben vor 25 Jahren ein Wunder erlebt …“ ?

„Ein Ereignis, das sich jeglicher vollkommenen

Die beste DDR aller Zeiten – von Oktober 1989 bis Oktober 1990.

Entschlüsselung entzieht. “

(Michael Diener auf Facebook)


Für mich war es (zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990) eine wunderbare Zeit und sehr leicht zu entschlüsseln – im Nachhinein.
Während dieser Zeit aber geschah, was Friedrich Engels schon hundert Jahre zuvor in einem Brief schrieb (abgedruckt im Sozialistischen Akademiker vom Oktober 1895):

„Es sind also unzählige, einander durchkreuzende Kräfte“, heißt es, „eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ereignis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes bewusstlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, was keiner gewollt hat.“ (Brief von 1890) „Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische usw. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die ökonomische Basis.“

So war es – und ich war – auch damals schon – sehr gern mittendrin.
Man war zwar etwas unsicher, weil nichts mehr planbar war, aber überall war Zuversicht und Hoffnung. Überall war Toleranz und Verständnis – aber auch allerhöchste Wachsamkeit gegenüber dem Nächsten, was die Methoden der Veränderung betraf.

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Palästina – oder der unverschämt lange Triumph des Flavius Silva

Im Jahre 0.066 begann der Jüdische Krieg als Aufstand gegen die Kolonialmacht Rom. Er endete im Jahre 0.073 mit der jüdischen Niederlage, als die Römer unter dem Befehlshaber Flavius Silva (nach Berichten von Flavius Josephus)  die Festung Masada stürmten – und ihnen eine Totenstille begegnete, weil keiner mehr lebte.

Rom jagte die übrige jüdische Bevölkerung aus dem Lande und gab dem Land den Namen derer, die als die ärgsten Feinde der Juden bekannt waren, der Philister. Seither gibt es Palästina. Und seither gab es Juden in aller Welt – ausser in Palästina. Bis Theodor Herzl 1895 die europäische „Judenfrage“ von einer sozialen – zu einer Frage der politischen Geografie umformte.

Dass nach dem Jahre 0.073 arabische Stämme geräumte jüdische Siedlungen „übernahmen“, wie im Herbst 1939 deutsche Bauern die „geräumten“ Höfe im von Nazideutschland überrollten Polen, wollen wir den Arabern von damals nicht vorwerfen. Sei waren der Obrigkeit gehorsam.

Dass dann im Jahre 0.610 Mohammed eine neue Hypothese über den Willen Gottes bezüglich der Weltherrschaft aufstellte, wollen wir ihm auch nicht vorwerfen. Im 7. Jahrhundert wurde auch bei uns vieles blind geglaubt, was wir heute besser wissen.

Dass 1922 im Ergebnis des 1. Weltkrieges und unter Beachtung von Herzls Ideen das zuvor lange osmanisch (Kriegsverlierer!) gewesene Palästina unter Völkerbundsmandat (UNO-Vorläufer) in britischer Verwaltung gestellt wurde, mag die dort lebenden, numehr muslimischen Araber gestört haben – oder auch nicht. Sie hatten sich seit den alten Römern mit so gut wie jeder Kolonialmacht arrangiert. Oder umgekehrt.

Dass jedoch nunmehr jüdische Siedlungen am alten Stammplatz mittels (legalem!) Landbesitz gefördert wurden und jüdische Menschen nach fast 1.900 Jahren die Heimat der Ur-Väter wieder in Besitz nehmen wollten, versteht man, wenn man weiss, wie schlecht sie diese 1.900 Jahre in der Fremde immer wieder behandelt wurden. Manche verstehen es nicht. Es war eben nicht nur Auschwitz. Auschwitz war nur der Gipfel. Das Leid war überall. Und immer wieder.

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Biotope

Der Mensch kämpft nicht gegen die Natur, er ist Teil der Natur, die fortwährend gegen und mit sich selbst kämpft. Und wenn der Mensch verschwunden ist und lediglich Müllhalden von ihm bleiben, dann werden genau diese Müllhalden von künftigen intelligenten Insekten als bewahrenswerte Reste ursprünglicher Natur geschützt werden, aus der sie in grauer Vorzeit gekommen sind.
Und Menschenknochen werden gelegentlich als Relikte aus der Zeit vor der Sintflut gezeigt werden, als die Insekten noch viel grösser waren und auf zwei Beinen gingen. Ein absurder Gedanke natürlich – der mit den zwei Beinen. Das weiss doch jede Grille.

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Glücklicher Ausgang

Jäh naht die Front. Vom Stadtrand zucken Blitze.
Einschläge schon vorm übernächsten Haus.
Scharf beisst der Rauch chinesischer Geschütze.
Dann sind die Fussballmeisterschaften aus.

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Sag mir, wo du stehst … im Rückblick

Ergänzende (und keineswegs streitsüchtige) Antwort zu Mathis Oberhofs Post

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Das Lied kam etwa 1967/1968 – also nicht einmal unbedingt im Zusammenhang mit dem Prager Frühling – ins Radio (für Jüngere: staatlicher Rundfunk selbstverständlich). Textautor und Sänger Hartmut König war das wohlgelungene Produkt sozialistischer Bildung und Erziehung, wie das Politbüro unter Walter Ulbricht es sich nicht schöner vorstellen konnte. Und Walter Ulbricht hatte sein Handwerk noch unter Stalin direkt gelernt – im Gegensatz zu Honecker.
Andererseits öffnete dieses und ähnliche Lieder die politbürokratische Türen für die DDR-Singebewegung bis hin zum Festival des Politischen Liedes in Berlin, wo zu Diktator Pinochets Zeiten auch Gruppen aus Chile ein Podium vor der Welt fanden.
Dieses dumme Lied aber war gerade passend für dumme Funktionäre, die die Parteikonformität der Singebewegung zunächst daran massen.
Dass ein ganz anderer, kluger Mensch, Reinhold Andert, dann im Berliner Oktoberklub (Name: Zu Ehren des Roten Oktober selbstverständlich) den dummem, allgemeinen Polit-Phrasen sein Motto „DDR konkret“ auf Bühnen und vor Fernsehkameras ungestraft entgegensetzen konnte, verdankt er somit indirekt dem beschränkten, blind parteitreuen Hartmut König.
Hartmut König wurde stellvertretender Kulturminister der DDR – Reinhold Andert wurde 1980 aus der SED ausgeschlossen.
Und komisch: „Parteifeind“ R. Andert war nach der „Wende“ Mensch genug, um den Menschen Honecker im „Kirchenasyl“ beim Pfarrer in Lobethal zu besuchen, zu interviewen und ihn als Menschen authentisch in einem Buch darzustellen.
Von Hartmut König hört man eigentlich immer noch nur „Sag mir wo du stehst …“.
Er muss da stehen geblieben sein.

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Franzerl, die Politbüros und die Veränderung der Welt

BildWie man in der Zeit.online lesen kann, ist der gegenwärtige Bischof von Rom, also der Mann auf Petri höchst einfachem, vermutlich gar hölzernen Stuhl nicht ganz einverstanden mit den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen auf dieser Welt. Vielleicht etwa so, wie vor ihm der Aramäer Jeschuah ibn Mariam, der Tscheche Jan Hus, der Deutsche Karl Marx – und noch ein paar andere Menschen – mit einem persönlichen Abstand zur katholischen Kirche. Jesus war bekanntlich auch nicht katholisch. Aber könnte er bei diesem Papst nicht möglicherweise in Versuchung kommen?

Hierauf wurde mir erwidert:

„jesus wäre als fan von popstar franziskus möglicherweise der versuchung erlegen, vereinsmeier in diesem vatikanischen männerladen mit seinem ungeklärten verhältnis zu gesegneten waffen zu werden? also, ich weiß ja nicht “ (Constanze Lehr, Frankfurt, auf facebook)

Ich denke, ein Popstar, der eine – auch noch so eine brisante politische – Wahrheit öffentlich ausspricht, ist zumindest einer von den besseren Popstars. Popstars, die ich (von weitem) kenne, äussern sich überwiegend gar nicht zu gesellschaftlichen Fragen. Und die es doch tun, sind dann wohl ein wenig mehr, als nur Popstars. Oder? Ich denke da beispielsweise an John Lennon.

Das eigentliche Wunder ist doch, dass es in dem „vatikanischen männerladen mit seinem ungeklärten verhältnis zu gesegneten waffen“ immerhin genügend Stimmen gab, die genau diesen Papst wollten – und auch bekommen haben. Gegen traditionelle Mehrheiten – nach dem äusseren Anschein zu urteilen. Das nenne ich ein kleines Wunder.
Antwort an mich:

schön und gut, reinhard. meine ursprüngliche die frage zielt jedoch darauf, was der von reaktionären vatikaniern gewählte im innenverhältnis bewirkt, wunder hat er da noch keine bewirkt. oder?

Von den Cheyenne weiss ich, dass dort ein Häuptling durch Vorbildwirkung führt, ohne Befehlsgewalt zu haben. Franzerl hätte als absoluter Monarch durchaus Befehlsgewalt, versucht jedoch als Vorbild zu wirken und zu führen. („Wer bin ich, dass …“)

Das ist eine neue Qualität, die diesen Verein vermutlich mehr erschüttert, als jede Strafe oder Androhung von Höllenpein. Das SED-Poltibüro (bzw. ein schwerbewaffneter Polizeichef in dessen Diensten) äusserte nach 1989 in Leipzig (sinngemäss): „Mit allem hätten wir gerechnet: Krawalle, Steinwürfe, brennende Häuser und Autos. Darauf hatten wir eine schlagkräftige Antwort parat. Aber sie kamen mit Kerzen und Gebeten. Darauf waren wir nicht vorbereitet.“ das war eine wirkliche Erschütterung eines Systems.

Auf Franzerl war der „fromme“ Weltkonzern im Ganzen auch nicht vorbereitet. Niemand von den „Durchschnittlichen“  hätte geglaubt, dass jemals das von ihnen gepredigte Wort sich gegen sie selbst richten würde.

So, wie die die aufatmenden SED-Mitglieder „plötzlich“ im „Kommunistischen Manifest“ Sätze „fanden“, die eine Diktatur von Politbüros ad absurdum führten – und schon frühzeitig verhindert hätten – sofern das Fussvolk denn immer Lust gehabt hätte, die „heiligen Schriften“ beizeiten gründlich (selbst!) zu lesen.

Man sagt heute gern, das Jahr 1989 habe „dem Kommunismus ein Ende bereitet“. So, wie heute Franzl „dem (katholischen) Christentum ein Ende bereitet“. Beides ist Unsinn – und wir wissen es.

Back to the roots – das ist immer ein kleines Wunder – da immer so schienbar unerwartet.  Man kann es auch „Keime des Neuen“ (nach Lenin) nennen.Oft schon sind Keime erstickt, wenn die Bedingungen nicht passten. Aber unter den gegenwärtigen Bedingungen, wo Kapital nicht mehr so einfach zur Ausbeutung benutzbar ist (negativer Zins – immer öfter), wo der Kapitalismus nicht mehr richtig funktioniert, unter diesen Bedingungen kann eine Idee leicht zur materiellen Gewalt werden – gegenüber Bank-Guthaben und anderen „gesegneten“ Ausbeutungsverhältnissen.

Franzl muss nicht beim Innenverhältnis anfangen, wenn wenn er an den Schlaf der katholischen Welt rühren will. Man kann sich mit inneren Widerständen herumschlagen und die Zeit vertrödeln. Oder man weckt die Schlafenden, die man unbesehen auf seine Seite kriegt. Und das macht Franzerl.

Meinen Segen hat er.


Bildnachweis: Wikipedia
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(De-)zentraler Glaube, Jesus, Staat und Kirche

Ein – wegen mehr als 420 Zeichen Länge – verhinderter Facebook-Post – also  – anscheinend ein Essay – von mir.  Antwort auf Bernd Schades Post:

„Die Wiederkehr der religiösen Frage bei jungen Ostdeutschen bedeutet keinen Zulauf der Kirchen, sondern das Ende der religionsbezogenen Zersetzungsmaßnahmen der DDR-Ideologie“

Bedenken wir

Zu Lebzeiten Jesu definierte sich das Volk der Juden über den Glauben an den einen Gott. Fremde Götter als Konkurrenz zu installieren war relativ wirkungslos. Moses hatte das Goldene Kalb noch „im Keim erstickt“.

Konkurrenz bestand jedoch sehr wohl zwischen der Priesterschaft in den (möglichst wenigen) Tempeln – und den Propheten, die sporadisch („auf Gottes Geheiss“) und damit völlig ohne Beschluss des „Politbüros“ (Tempels), also de- oder anti-zentral im Volke predigend erschienen – wie z. B. der gefährliche Jesus (im Islam übrigens der letzte Prophet – bevor der Glaube endgültig zentralisiert wurde – mit mehreren Zentren heute).

Was die Hohepriester von Propheten hielten ist in den Evangelien nachzulesen. Autoritäre Menschen (hohe Priester), die nach zentraler Macht streben, mögen keine Götter neben sich. Nicht einmal Söhne von Göttern. Ihr Gott ist ein kinderloser Monarch, möglichst absolut.

Da die eigene Autorität der Tempelpriester („im Namen Gottes“) in Jerusalem plötzlich nicht mehr auszureichen schien, wandte man sich an eine höhere Macht: Die Besatzungsmacht Rom. Pontius Pilatus sollte es richten. Und er richtete. Doch der Prokurator war unsicher und fragte vorsichtshalber noch mal das Volk. Es entschied sich, ideologisch fest im Griff der hohen Priester, für den Mörder und gegen den windigen Propheten. Die Zentralmacht des Tempels war – anscheinend – wieder gesichert.

Staat und Kirche in der DDR:

Die DDR war bereits vor ihrer Gründung, als Idee der deutschen Kommunisten in der Weimarer Republik, zentralistisch angelegt. „Väterchen“ Stalin hatte in seiner Jugend als Klosterschüler die Funktionsprinzipien des Klerus kennen gelernt. Bereits 1905 hatte Lenin die Spaltung seiner Partei (SDAPR*) in Bolschewiki* (Mehrheitler), die „Guten“ und Menschewiki* (Minderheitler), die „Bösen“ herbeigeführt.

Es wurde so oft abgestimmt, bis die „Bösen“ ermüdet waren und schlafen gingen. Die „Guten“ waren fest(er) im Glauben (an Lenin) und hielten sich mit aller Kraft wach, bis sie in der Mehrheit waren. (Welcher Strolch hat hier „Gethsemani“ dazwischen gerufen? ) Anderntags waren sie zwar in der Minderheit aber die Abstimmung war vorbei.

Die Bolschewiki machten, als 1917 die Macht in Russland auf der Strasse lag, Oktober-Revolution* und Lenin wurde ein Gott. Authentisch beschrieben von Egon Erwin Kisch*, der glaubhaft schildert, wie in Bauernhäusern lediglich die Ikonen gegen Lenin-Porträts ausgetauscht wurden.

Stalin übernahm den zentralen Platz beizeiten und baute eine „Weltkirche“ in Gestalt der Kommunistischen Internationale* mit einem Exekutivkomittee (EKKI*), das ziemlich genau eine Kopie der römischen Kurie gewesen sein muss. Ich habe 1988 von Tadeusz Breza*: Das Bronzetor gelesen. Als (ganz neuer, und nicht ganz freiwilliger) Mitarbeiter des SED*-Parteiapparates (unterste Ebene, seit 1986) war ich verblüfft, wie der Vatikan hier die Politbüros nachäffte. Oder war es nicht eher umgekehrt?

Der deutsche Kommunistenführer Ernst Thälmann* war gläubiger Anhänger von Stalins Zentralismus. Und staatlich installiertes Vorbild für die DDR-Jugend. Sein politischer Märtyrer-Tod im KZ Buchenwald 1944 (ähnlich, aber doch anders als Martin Niemöller) stärkte nur noch seine Vorbild-Rolle als aufrechter Kämpfer. Stalin hätte ihn (wie übrigens auch seinen eigen Sohn) bei Hitler gegen den gefangenen General Paulus und andere auslösen können, aber Märtyrer (und „Feiglinge“) lässt man besser schmoren. Und Märtyrer bestätigen glänzend, dass eine „gute Sache“ allemal wichtiger ist als das eigene Leben.

Die DDR-Jugend wuchs auf in der (rein staatlich gesteuerten) Pionierorganisation* „Ernst Thälmann“ (wie die Sowjetjugend als Lenin-Pioniere), um dann in der FDJ (wie Angela M.) bzw. im KOMSOMOL* zum sozialistischen Staatsbürger zu reifen.

Kirche wurde, im Gegensatz zur UdSSR, geduldet, soweit sie sich in den sozialistischen Staat passfähig einfügte. Einige Kommunisten hatten begriffen, dass Jesus im Grunde ein Linker in seiner Zeit gewesen war. Eigentlich ein Kommunist.

Von Stalinist Ulbricht zu Schwester Merkel

Walter Ulbricht* war mit dem thüringischen Bischof Moritz Mitzenheim* (Eisenach) noch persönlich befreundet.

Honecker* hatte weder Ulbrichts staatsmännisches Format noch die persönliche Beziehung zu einem wirklichen Christen. Seine „Christen“ waren IM bei Mielke und berichteten Schreckliches aus den Kirchen. Nun war die evangelische Kirche (dezentral – nur dem fernen Gott ohne Büro, Telefon und Fax verpflichtet) keine wirkliche Gefahr für die straff zentral geleitete SED. Es galt nur, „ideologische Ausrutscher“ zu vermeiden.

Angela Merkel war der „Beweis“, dass Christen und sogar Pfarrerstöchter gute sozialistische Staatsbürger sein können, wenn sie nur guten sozialistischen Willen zeigen. FDJlerin Merkel zeigte(!) ihn offensichtlich. Es (das überzeugende Zeigen + offensichtliches Können) reicht heute sogar zur Bundeskanzlerin.

DIE DDR-CDU war so stromlinienförmig, dass sie eigentlich (partiell) die „bessere“ SED war – solange es die SED gab. Anpassung lernte man dort wie sonst nirgends. Sogar die SED hatte innerparteiliche „Unruhestifter“. Von der DDR-CDU wurde nichts dergleichen bekannt.

Die katholische Kirche hätte ein ernstzunehmender Staatsfeind sein können – und wusste das auch. Aber ihre Zentrale war in Rom und der Chef im Himmel. Das war ein vorübergehendes „Unentschieden“, solange sich diese Kirche der weltlichen Macht fern hielt. Die Einheit von Thron und Altar (wie im Alten Rom einst und im Deutschen Kaiserreich immer) war gemäss DDR-Verfassung verloren und man erfreute sich immerhin der Duldung durch den Staat. Was ist schon die Zeit gegen die Ewigkeit?

Der rheinische Katholizismus regierte schliesslich im Sinne Roms in Bonn (mit dem bayerischen) und das waren immerhin drei Viertel von Deutschland. Gott würde schon helfen.

Und er half. Leider unter dem Dach der evangelischen Kirchen, wo staatlich verdrängte Opposition eine Heimstatt fand. A. Merkel war wohl nur ganz still dabei. Dort entstand zunächst der Glaube ans mögliche Christsein (in, vor, hinter und neben der Kirche) in einer „besseren DDR“ – denn es war ja nicht alles schlecht. Dort gab es Ermutigung für Bürgerrechtler. Die katholische Kirche hielt sich vornehm zurück.

Erst, als (vermutlich mit Gottes Hilfe) der Ruf „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ umschlug – die Dirigenten für diesen Harmoniewechsel halten sich bis heute vornehm im Hintergrund – erst da wurden sie munter.

Sachsen, das Mutterland der Reformation, ist heute nahezu r(h)ein katholisch regiert. Das wurde bereits erprobt, als Kurfürst August der Starke 1697 konvertierte, um im katholischen Polen als König wählbar zu sein. „Polen ist eine Messe wert.“ Der jetzige Ministerpräsident darf auch gern ein ursächsischer Sorbe* sein.

Die Chefärzte an den Kliniken der sozialistischen Bezirksstadt Dresden (heute sächs. Landeshauptstadt) hingegen waren schon 1960 (oder noch? – jedenfalls auch später, bestimmt aber bis heute) überwiegend mehr oder weniger stille Katholiken. (Das weiss ich von Meinem Vater, der ca. von 1955 bis 1991 Arzt, zuletzt Oberarzt und Sanitätsrat in verschiedenen Kliniken in Dresden war.) Im Rheinland heisst das Klüngel und ist anscheinend ganz normal.

„Thon und Altar“ bzw. „berufliche Position und Altar“ dürfen heute wieder als Einheit offen ausgelebt werden. Manche sind Gott dankbar dafür, andere empfinden es als Rückfall ins Mittelalter.

Eine Stärkung des Glaubens im Osten bewirkt es jedenfalls nicht. Höchtstens der zahlenden Mitgliedschaft in Kirchen, falls man etwas werden will. Das ging 40 Jahre lang der SED so. 1989 fiel der Zierrat der 2,1 Mio. Mitglieder geräuschlos ab. „Übrig blieb (in der PDS) die 1 hinter dem Komma.“ – wie der sächsische PDS-Vorsitzende Peter Porsch (ein Österreicher übrigens) zu sagen pflegt. Die Eins hinter dem Komma enthält zwar noch genug Gläubige im Sinne Lenins und Stalins, aber die sterben aus. Der Rest hat Freunde, Brüder und Schwestern unter den Freunden, Brüdern und Schwestern Jesu. Und das wächst. Die Kirchen merken vermutlich nichts davon. Seit die Kirchensteuer vom Staat kassiert wird ist die Kirche nicht mehr frei vom Staat, wie in der DDR. Und das war eine gute Zeit – für die Kirche im Osten.

Die Rheinischen haben‘ s verdorben. 1990, am 3. Oktober.

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Einfach so, mal aus dem Ärmel geschrieben und relativ unsortiert – SORRY – MEMORY OVERFLOW (ein bekannter Error in Basic)

* Verständlicherweise unbekannte Begriffe aus meinen 60 Jahren Leben und aus dem „unbekannten Osten“ bitte unbedingt Wikipedia oder mich fragen – oder googeln!

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