(De-)zentraler Glaube, Jesus, Staat und Kirche

Ein – wegen mehr als 420 Zeichen Länge – verhinderter Facebook-Post – also  – anscheinend ein Essay – von mir.  Antwort auf Bernd Schades Post:

„Die Wiederkehr der religiösen Frage bei jungen Ostdeutschen bedeutet keinen Zulauf der Kirchen, sondern das Ende der religionsbezogenen Zersetzungsmaßnahmen der DDR-Ideologie“

Bedenken wir

Zu Lebzeiten Jesu definierte sich das Volk der Juden über den Glauben an den einen Gott. Fremde Götter als Konkurrenz zu installieren war relativ wirkungslos. Moses hatte das Goldene Kalb noch „im Keim erstickt“.

Konkurrenz bestand jedoch sehr wohl zwischen der Priesterschaft in den (möglichst wenigen) Tempeln – und den Propheten, die sporadisch („auf Gottes Geheiss“) und damit völlig ohne Beschluss des „Politbüros“ (Tempels), also de- oder anti-zentral im Volke predigend erschienen – wie z. B. der gefährliche Jesus (im Islam übrigens der letzte Prophet – bevor der Glaube endgültig zentralisiert wurde – mit mehreren Zentren heute).

Was die Hohepriester von Propheten hielten ist in den Evangelien nachzulesen. Autoritäre Menschen (hohe Priester), die nach zentraler Macht streben, mögen keine Götter neben sich. Nicht einmal Söhne von Göttern. Ihr Gott ist ein kinderloser Monarch, möglichst absolut.

Da die eigene Autorität der Tempelpriester („im Namen Gottes“) in Jerusalem plötzlich nicht mehr auszureichen schien, wandte man sich an eine höhere Macht: Die Besatzungsmacht Rom. Pontius Pilatus sollte es richten. Und er richtete. Doch der Prokurator war unsicher und fragte vorsichtshalber noch mal das Volk. Es entschied sich, ideologisch fest im Griff der hohen Priester, für den Mörder und gegen den windigen Propheten. Die Zentralmacht des Tempels war – anscheinend – wieder gesichert.

Staat und Kirche in der DDR:

Die DDR war bereits vor ihrer Gründung, als Idee der deutschen Kommunisten in der Weimarer Republik, zentralistisch angelegt. „Väterchen“ Stalin hatte in seiner Jugend als Klosterschüler die Funktionsprinzipien des Klerus kennen gelernt. Bereits 1905 hatte Lenin die Spaltung seiner Partei (SDAPR*) in Bolschewiki* (Mehrheitler), die „Guten“ und Menschewiki* (Minderheitler), die „Bösen“ herbeigeführt.

Es wurde so oft abgestimmt, bis die „Bösen“ ermüdet waren und schlafen gingen. Die „Guten“ waren fest(er) im Glauben (an Lenin) und hielten sich mit aller Kraft wach, bis sie in der Mehrheit waren. (Welcher Strolch hat hier „Gethsemani“ dazwischen gerufen? ) Anderntags waren sie zwar in der Minderheit aber die Abstimmung war vorbei.

Die Bolschewiki machten, als 1917 die Macht in Russland auf der Strasse lag, Oktober-Revolution* und Lenin wurde ein Gott. Authentisch beschrieben von Egon Erwin Kisch*, der glaubhaft schildert, wie in Bauernhäusern lediglich die Ikonen gegen Lenin-Porträts ausgetauscht wurden.

Stalin übernahm den zentralen Platz beizeiten und baute eine „Weltkirche“ in Gestalt der Kommunistischen Internationale* mit einem Exekutivkomittee (EKKI*), das ziemlich genau eine Kopie der römischen Kurie gewesen sein muss. Ich habe 1988 von Tadeusz Breza*: Das Bronzetor gelesen. Als (ganz neuer, und nicht ganz freiwilliger) Mitarbeiter des SED*-Parteiapparates (unterste Ebene, seit 1986) war ich verblüfft, wie der Vatikan hier die Politbüros nachäffte. Oder war es nicht eher umgekehrt?

Der deutsche Kommunistenführer Ernst Thälmann* war gläubiger Anhänger von Stalins Zentralismus. Und staatlich installiertes Vorbild für die DDR-Jugend. Sein politischer Märtyrer-Tod im KZ Buchenwald 1944 (ähnlich, aber doch anders als Martin Niemöller) stärkte nur noch seine Vorbild-Rolle als aufrechter Kämpfer. Stalin hätte ihn (wie übrigens auch seinen eigen Sohn) bei Hitler gegen den gefangenen General Paulus und andere auslösen können, aber Märtyrer (und „Feiglinge“) lässt man besser schmoren. Und Märtyrer bestätigen glänzend, dass eine „gute Sache“ allemal wichtiger ist als das eigene Leben.

Die DDR-Jugend wuchs auf in der (rein staatlich gesteuerten) Pionierorganisation* „Ernst Thälmann“ (wie die Sowjetjugend als Lenin-Pioniere), um dann in der FDJ (wie Angela M.) bzw. im KOMSOMOL* zum sozialistischen Staatsbürger zu reifen.

Kirche wurde, im Gegensatz zur UdSSR, geduldet, soweit sie sich in den sozialistischen Staat passfähig einfügte. Einige Kommunisten hatten begriffen, dass Jesus im Grunde ein Linker in seiner Zeit gewesen war. Eigentlich ein Kommunist.

Von Stalinist Ulbricht zu Schwester Merkel

Walter Ulbricht* war mit dem thüringischen Bischof Moritz Mitzenheim* (Eisenach) noch persönlich befreundet.

Honecker* hatte weder Ulbrichts staatsmännisches Format noch die persönliche Beziehung zu einem wirklichen Christen. Seine „Christen“ waren IM bei Mielke und berichteten Schreckliches aus den Kirchen. Nun war die evangelische Kirche (dezentral – nur dem fernen Gott ohne Büro, Telefon und Fax verpflichtet) keine wirkliche Gefahr für die straff zentral geleitete SED. Es galt nur, „ideologische Ausrutscher“ zu vermeiden.

Angela Merkel war der „Beweis“, dass Christen und sogar Pfarrerstöchter gute sozialistische Staatsbürger sein können, wenn sie nur guten sozialistischen Willen zeigen. FDJlerin Merkel zeigte(!) ihn offensichtlich. Es (das überzeugende Zeigen + offensichtliches Können) reicht heute sogar zur Bundeskanzlerin.

DIE DDR-CDU war so stromlinienförmig, dass sie eigentlich (partiell) die „bessere“ SED war – solange es die SED gab. Anpassung lernte man dort wie sonst nirgends. Sogar die SED hatte innerparteiliche „Unruhestifter“. Von der DDR-CDU wurde nichts dergleichen bekannt.

Die katholische Kirche hätte ein ernstzunehmender Staatsfeind sein können – und wusste das auch. Aber ihre Zentrale war in Rom und der Chef im Himmel. Das war ein vorübergehendes „Unentschieden“, solange sich diese Kirche der weltlichen Macht fern hielt. Die Einheit von Thron und Altar (wie im Alten Rom einst und im Deutschen Kaiserreich immer) war gemäss DDR-Verfassung verloren und man erfreute sich immerhin der Duldung durch den Staat. Was ist schon die Zeit gegen die Ewigkeit?

Der rheinische Katholizismus regierte schliesslich im Sinne Roms in Bonn (mit dem bayerischen) und das waren immerhin drei Viertel von Deutschland. Gott würde schon helfen.

Und er half. Leider unter dem Dach der evangelischen Kirchen, wo staatlich verdrängte Opposition eine Heimstatt fand. A. Merkel war wohl nur ganz still dabei. Dort entstand zunächst der Glaube ans mögliche Christsein (in, vor, hinter und neben der Kirche) in einer „besseren DDR“ – denn es war ja nicht alles schlecht. Dort gab es Ermutigung für Bürgerrechtler. Die katholische Kirche hielt sich vornehm zurück.

Erst, als (vermutlich mit Gottes Hilfe) der Ruf „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ umschlug – die Dirigenten für diesen Harmoniewechsel halten sich bis heute vornehm im Hintergrund – erst da wurden sie munter.

Sachsen, das Mutterland der Reformation, ist heute nahezu r(h)ein katholisch regiert. Das wurde bereits erprobt, als Kurfürst August der Starke 1697 konvertierte, um im katholischen Polen als König wählbar zu sein. „Polen ist eine Messe wert.“ Der jetzige Ministerpräsident darf auch gern ein ursächsischer Sorbe* sein.

Die Chefärzte an den Kliniken der sozialistischen Bezirksstadt Dresden (heute sächs. Landeshauptstadt) hingegen waren schon 1960 (oder noch? – jedenfalls auch später, bestimmt aber bis heute) überwiegend mehr oder weniger stille Katholiken. (Das weiss ich von Meinem Vater, der ca. von 1955 bis 1991 Arzt, zuletzt Oberarzt und Sanitätsrat in verschiedenen Kliniken in Dresden war.) Im Rheinland heisst das Klüngel und ist anscheinend ganz normal.

„Thon und Altar“ bzw. „berufliche Position und Altar“ dürfen heute wieder als Einheit offen ausgelebt werden. Manche sind Gott dankbar dafür, andere empfinden es als Rückfall ins Mittelalter.

Eine Stärkung des Glaubens im Osten bewirkt es jedenfalls nicht. Höchtstens der zahlenden Mitgliedschaft in Kirchen, falls man etwas werden will. Das ging 40 Jahre lang der SED so. 1989 fiel der Zierrat der 2,1 Mio. Mitglieder geräuschlos ab. „Übrig blieb (in der PDS) die 1 hinter dem Komma.“ – wie der sächsische PDS-Vorsitzende Peter Porsch (ein Österreicher übrigens) zu sagen pflegt. Die Eins hinter dem Komma enthält zwar noch genug Gläubige im Sinne Lenins und Stalins, aber die sterben aus. Der Rest hat Freunde, Brüder und Schwestern unter den Freunden, Brüdern und Schwestern Jesu. Und das wächst. Die Kirchen merken vermutlich nichts davon. Seit die Kirchensteuer vom Staat kassiert wird ist die Kirche nicht mehr frei vom Staat, wie in der DDR. Und das war eine gute Zeit – für die Kirche im Osten.

Die Rheinischen haben‘ s verdorben. 1990, am 3. Oktober.

______________________
Einfach so, mal aus dem Ärmel geschrieben und relativ unsortiert – SORRY – MEMORY OVERFLOW (ein bekannter Error in Basic)

* Verständlicherweise unbekannte Begriffe aus meinen 60 Jahren Leben und aus dem „unbekannten Osten“ bitte unbedingt Wikipedia oder mich fragen – oder googeln!

Über Reinhard Heinrich

Wird gern besucht unter: http://rondobildung.blogspot.com
Dieser Beitrag wurde unter DDR, Geschichte und Geschichten, Menschen und Götter, Prosa abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s