Zwi Kanar: JONA oder   A fish hot mikh nisht ayngeshlungen.

Dieses Buch gibt keine Ruhe. Wie der Autor.  Er hat vor sich selbst keine Ruhe, ein Leben lang. Er ist als Halbwüchsiger davongekommen,  sah seinen Vater zuletzt in Buchenwald hinterm Stacheldraht. Bei Kriegsende ist er gerade 14 Jahre alt.  Hat seine Kindheit in Konzentrationslagern und auf dem Todesmarsch verbracht, seine Mamme schon lange nicht mehr gesehen und rechnet zunächst damit , der einzige Überlebende seiner Familie zu sein.
Er landet im Erzgebirge und erlebt plötzlich so etwas wie Leben. Beinahe unwirklich für den jüdischen Jungen aus der deutschen Hölle.

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Titelseite

Die Deutschen um ihn haben – wenn nicht ein schlechtes Gewissen – so doch immerhin Angst vor der Verantwortung, zu der die Sieger sie ziehen könnten. Sieger, die jetzt nicht hier wären, hätte man sie nicht zuvor bekriegt. Und dann noch diese Juden, von denen man doch gar nichts gewusst hatte.

Der Vierzehnjährige ohne Kindheit spürt die ängstliche Verlogenheit der Besiegten, die an so gar nichts schuldig geworden sind. Er könnte sich als Sieger fühlen – doch er fühlt sich einfach schlecht.

Er sucht in der Heimat nach Anknüpfungspunkten zu seinem Leben, das da eigentlich hätte stattfinden sollen – und findet wenige überlebende Verwandte, aber auch Leere und Hoffnungslosigkeit.

Geradezu mit geheimdienstlichen Mitteln wird die Auswanderung einer Gruppe junger polnischer Juden  nach Israel geplant und durchgeführt. Entgegen der schönen Legende, dass mit der Naziherrschaft für Juden alle Probleme aus der Welt sind, erlebt der Junge noch in Sichtweite der israelischen Küste Widerstand und Diskriminierung – und ausgerechnet von der britischen  Siegermacht.

Der Autor kommt praktisch – und ziemlich knapp – als „Illegaler“ in die künftige Heimat, die doch schon 1922 durch den Völkerbund ihre völkerrechtliche Legitimation erhielt und und 1948 nochmals vom UN-Teilunsplan für Palästina abgesegnet wird. Und das angesichts besiegter Peiniger,  entmachteter Massenmörder und siegesstolzer Befreier.

Hier fragt sich der Leser: Kann das wahr sein? Die Jugendgruppe nimmt es mit Gleichmut auf. Es ist nur Behinderung, kein Pogrom. Und Zypern (Kreta?),  wo man sie „zwischenlagert“, hat keine Gaskammern und keine Verbrennungsöfen von Topf & Söhne. Nur festgehalten werden sie. Wer kann ihre Heimkehr in ihr neues, altes Land nur so fürchten?

Das Buch beantwortet diese Frage nicht. Die jungen Immigranten stellen sie auch nicht. Nur der denkende Leser schüttelt den Kopf. Der „Staat Israel“ – und so nennt der Autor seine Heimat immer wieder – erfährt Behinderung nicht vom ersten Tag an – nein, schon weit davor. Noch immer glaubt die Welt blind der Propaganda einer antiken Weltregierung, der des römischen Weltreiches, nach dem Jüdischen Aufstand von 73 n. Chr., daß das Volk der Juden andersartig ist, böse und hinterhältig und eine Gefahr für alle Völker. Und dass nicht nur das Volk vertrieben und zerstreut in alle Winde werden muss,  sondern die geografischen Bezeichnungen Juda, Judäa oder Israel zu verschwinden haben von der Erdscheibe. Und dass darum das Territorium nach den bekanntesten Feinden der Juden, den Philistern, zu heißen habe: Palästina. Die Römerherrschaft wirkt ungebrochen weiter in den Köpfen der Leute, die sie gläubig weitergeben an ihre Kinder und Kindeskinder. Der jüdische Krieg war kein Vietnamkrieg und das Imperium blieb der  Sieger (mehr dazu hier).

Aber die jungen Leute haben nicht nur Schweres hinter sich. Sie sind auch darauf gefasst, Schweres vor sich zu haben, das aber im Gegensatz zum Überleben im Lager einen wirklichen Inhalt hat. So verschieden sie sind – einig sind sie sich doch,  dass sie in Israel eine Zukunft haben, die sie selbst bauen werden.

Was sie nicht ahnen: Nach Israel kommen aus aller Welt auch Juden, die da sagen: „Nun habt euch mal nicht so zimperlich!“ Die von den Lagern nichts wissen und was sie wissen, nicht glauben können.

„Holocaust-Leugner unter den Juden! Ha!“ – tönt es da schon wieder von den hinteren Bänken. Zweimal falsch.  Kein gebildeter Jude sollte dieses amerikanische Modewort des Film-Marketings der 1970er Jahre verwenden. Holocaust heisst Brand-Opfer.  Und sie sind definitiv nicht hingegangen, um zu brennen oder sich aufzuopfern. Sie wurden geholt, deportiert und vernichtet. Das Brennen war eine Form der deutschen Abfallbeseitigung.

Aber all das kommt in dem Buch nicht vor. Der Leser muss das schon selbst wissen wollen. Die Juden rund um den jungen Helden haben noch kein Wort dafür, das einen Film vermarkten hülfe. Sie sind noch sprachlos, wenn es um das Durchlittene geht. Und sie sind eine Minderheit – die Überlebenden.

Was sie auch nicht ahnen: Die Überlebenden haben es augenscheinlich deutlich schwerer auf ihrem Weg, als untertauchende NS-Täter und Kollaborateure.  Keine wohlorganisierten „Rattenlinien“ (oder synonym  „Klosterrroute“) ebnet ihre Wege.

Der Junge sucht seinen Platz in der sich neu formierenden Gesellschaft,  die von allen voller Stolz „Staat Israel“ genannt wird – mit dem Gottesnahmen „El“ darin. Vieles probiert der Junge aus, auch aus ideologisch geprägtem Pflichtgefühl. Und immer wieder schildert der Autor stark individuelle Menschen, die, obwohl von der einenden großen Sache begeistert, doch immer wieder zuerst sie selbst sind. Die kollektive Idee wird ausdrücklich von Individuen in Angriff genommen.

Es ist zu bezweifeln,  dass Zwi Kanar das alles schon gewusst hat,  als er es durchlebte. Am Ende eines langen Lebens und einer Karriere als Bühnenkünstler aber war es ihm wohl bewusst.

Er kehrt zurück und zeigt uns seine Jugend. Kein bißchen zielbewust,  aber immer zielsicher, was das konkrete Handeln in konkreten Situationen angeht. Mit seinem Gott ist er schwer im Hader seit der letzten Begegnung mit dem Vater in Buchenwald. Er mag nicht mehr an den guten alten Mann glauben. Und doch steckt eine Quelle der Kraft in ihm,  die man gemeinverständlich nur mit Gottvertrauen umschreiben kann.

Zwi Kanar wurde Soldat und es war nix für ihn. Er fuhr zur See und blieb in einem französischen Häfen an Land – und wurde  Schüler bei Marcel Marceau.
Er trat in Dresden zur Jiddischen Kultur- und Theaterwoche auf und verwandelte sich von einem hageren, müden alten Mann zu  einem springlebendigen jungen  Burschen – auf der Bühne,  wo sein selbst gewählter Platz war – seit Marseille.
Zuhause war er wohl überall. Aber das hätte er wahrscheinlich nicht sein können,  ohne seinen Staat Israel im Hintergrund seiner Seele, stark und breit genug, die Lagerkindheit zu überdecken.
Den Übersetzern und Herausgebern der deutschen Fassung ist zu danken dafür, das dieser authentische Bericht für uns verfügbar bleibt. Das des Jiddischen mächtige Lesepublikum – gesund soll es sein – wäre zu wenig für dieses grosse,  kleine Buch. Am 1. April 2015 kam die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ ins Fernsehen. Wer wissen will, wie es für die Befreiten weiter ging, lese Zwi Kanars Buch!

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Über Reinhard Heinrich

Wird gern besucht unter: http://rondobildung.blogspot.com
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